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Thüringer Kinderschutzdienste im Spannungsfeld zwischen Kinderschutz und Justiz

Gaby Marske-Power / Stefan Heinemann
Kinder- und Jugendschutzdienst Villa Lampe Heiligenstadt
Vortrag auf der 2. Fachtagung der Thüringer Kinder- und Jugendschutzdienste am 05.10.1998 in Weimar:


Sehr geehrte Frau Ministerin!
Sehr geehrte Damen und Herren!
Im Namen des Arbeitskreises Thüringer Kinderschutzdienste begrüße ich Sie alle sehr herzlich; wir freuen uns über diesen ersten öffentlichen Schritt der gemeinsamen Arbeit. Bereits im Vorfeld dieser Tagung fanden erste Schritte des Kennenlernens und ein fachlicher Austausch statt. Wir möchten Ihnen mit diesem Referat die Arbeit der Kinderschutzdienste in Thüringen und deren rechtliche Grundlage vorstellen und danach den Blick der Kinderschutzdienste auf kindliche und jugendliche Opfer sexueller Gewalt als Zeuginnen im Strafverfahren darstellen.
Dieses Referat wurde mit allen Kinderschutzdiensten Thüringens abgestimmt.
Ich beschreibe Ihnen dadurch eine Cocreation einer Wirklichkeit, so wie sie in Thüringen in unterschiedlicher regionaler Couleur existiert.
Die Arbeitsschwerpunkte der Kinderschutzdienste lassen sich folgendermaßen klassifizieren:
Beratung, Begleitung, Prävention, Öffentlichkeitsarbeit, Weiterbildung für Multiplikatorlnnen sowie Koordinierung und Vernetzung der Hilfsangebote.
Auf dieser Fachkonferenz soll sich vor allem dem letztgenannten Arbeitsgebiet, der Vernetzung der einzelnen Fachdienste gestellt werden. Der Rahmen und damit die Bereitschaft ist heute bereits gegeben; inhaltlich möchten wir, auf der Grundlage unserer Erfahrungen mit Klientinnen, Ihnen hier als unseren AnsprechpartnerInnen der Polizei und der Justiz Vorschläge anbieten und gern erläutern, wie ein am Kindes- und Jugendlichenwohl orientiertes Verfahrensprocedere aus unserer Erfahrung und Sicht gestaltet werden kann.

Kinderschutzdienste in Thüringen

Das Land Thüringen hat 1993 die Förderrichtlinien für Kinderschutzdienste herausgegeben und die Umsetzung von Kinder- und Jugendschutz durch die Einrichtung entsprechender Kinderschutzdienste in freier Trägerschaft ermöglicht. Wie Sie dem Thüringen-Poster des Arbeitskreises der Thüringer Kinderschutzdienste entnehmen können, sind in den fünf Jahren zehn Kinderschutzdienste entstanden. Wir verwenden in diesem Referat durchgehend den Begriff Kinderschutzdienste.
Jugendlichen ist ein Reagieren auf besonders niedrigschwellige Angebote zueigen, mit häufig klarem Abgrenzungswunsch gegenüber Jüngeren. Daher nennen sich bereits Wer unserer Einrichtungen Kinder- und Jugendschutzdienste. Wir arbeiten in der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz Thüringen e.V. im Arbeitskreis Thüringer Kinderschutzdienste sowohl in Form gemeinsamer Fortbildungen, Arbeitsberatungen als auch in der Öffentlichkeitsarbeit zusammen.
Das Netz der Hilfeangebote, die sich speziell an den Bedürfnissen und Fähigkeiten betroffener Kinder und Jugendlicher orientieren, ist enger geworden, und auf dieser Basis erscheint es uns wichtig, multiprofessionelle Kooperation aufzubauen und dort, wo diese bereits existiert, sie noch mehr zu nutzen.

Verfassungsrechtliche Grundlage des Kinder- und Jugendschutzes

Kinderschutzdienste haben die Aufgabe, auf die Verwirklichung des Rechtsanspruchs von Kindern und Jugendlichen auf Achtung ihrer Persönlichkeit sowie auf Leben und körperliche Unversehrtheit, wie es aus Art. 2 GG abzuleiten ist, hinzuwirken.
Als Verwirklichung des Rechtsanspruchs von Kindern und Jugendlichen aus Art. 2 GG erfüllt Kinder- und Jugendschutz zugleich das Gebot aus Art. 19 der Verfassung des Freistaates Thüringen, das bestimmt, dass Kinder und Jugendliche vor körperlichen und seelischen Vernachlässigungen, Misshandlungen, Missbrauch und Gewalt zu schützen sind.
Kinder- und Jugendschutz ist als Umsetzung eines verfassungsmäßigen Auftrags auf Bewahrung und den Schutz eines Rechtsgutes ausgerichtet, nämlich auf den Anspruch von Kindern und Jugendlichen auf Wahrung und Förderung ihres Wohls im Sinne wachsender Selbstverantwortung, freier Entfaltung der Person und Gemeinschaftsfähigkeit sowohl gegenüber den eigenen Eltern als auch gegenüber der Gesellschaft.
Das Kind ist als Träger einer ihm eigenen Würde definiert, es hat eine Subjektstellung. Wegen ihrer Subjektstellung sind Kinder und Jugendliche Träger einer ihnen eigenen Würde und eigener Rechte und deshalb gegenüber Dritten, auch gegenüber den eigenen Eltern für sich selbst schützenswert.
Die in praktischer Hinsicht bedeutsamste Folge der Subjektstellung von Kindern und Jugendlichen ist die Parteilichkeit aller Jugendhilfe und damit auch die Parteilichkeit von Kinderschutzdiensten als Teilgebiet der Jugendhilfe zugunsten des Kindes und Jugendlichen.
Parteilichkeit der Jugendhilfe rechtfertigt nicht Ermessenswillkür der Jugendhilfe, der Träger von
Kinderschutzdiensten oder der Gerichte zugunsten des Kindes bzw. zu ungunsten der Eltern. Parteilichkeit der Jugendhilfe fordert die Orientierung der Maßnahme der Jugendhilfe am Kindeswohl.

Die Umsetzung des Kinder- und Jugendschutzes durch die Förderung von Kinderschutzdiensten

Die Richtlinien für die Förderung von Maßnahmen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe vom 26. Juni 1993 beschreiben die Aufgaben von Kinderschutzdiensten:
Kinderschutzdienste haben die Aufgabe, Mädchen und Jungen, die körperlich oder seelisch misshandelt, schwer vernachlässigt oder sexuell missbraucht werden sowie Mädchen und Jungen, bei denen ein entsprechender Verdacht besteht,

  • ein ständiger Ansprechpartner zu sein, der auf die betroffenen Kinder zugeht und deren Aussage voll vertraut,
  • vor weiteren Gefährdungen zu schützen und die dafür notwendigen Schritte zu veranlassen,
  •  in Gesprächen und mittels persönlicher Zuwendung Hilfen zur Stabilisierung ihrer Persönlichkeit und für ihre künftige Lebensgestaltung zu geben,
  • vertrauender und verlässlicher Helfer im zivil- und strafrechtlichen Verfahren zu sein und auch zu bleiben, falls es nicht zu einer Verurteilung kommt oder die Aussage des Kindes bestritten oder sonst angezweifelt wird.

Aufgabe der Kinderschutzdienste ist es auch, durch Beratung und Vermittlung von Hilfe zur Stabilisierung der Familiensituation beizutragen, soweit dies ohne Beeinträchtigung des Vertrauensverhältnisses zu dem betroffenen Mädchen oder Jungen möglich ist.
Soweit dies im Einzelfall geboten ist, sollen die Kinderschutzdienste erzieherische, soziale, ärztliche, psychotheropeutische oder sonstige Hilfen aufzeigen und bei entsprechender Inanspruchnahme helfen.

Das Arbeitsfeld der Kinder- und Jugendschutzdienste in Thüringen

Kindesmisshandlung und sexueller Missbrauch sind Themen, die in den letzten Jahren durch die Berichterstattung in den Medien immer mehr wahrgenommen werden, wobei der zentrale Inhalt der Arbeit der Kinderschutzdienste nach wie vor in der Offentlichkeit nur ansatzweise wahrgenommen wird:
Die Kindesmisshandlung und der sexuelle Missbrauch in der Familie und im sozialen Nahbereich, in der Regel durch männliche Täter.

Angela May schreibt in dem 1997 erschienenen Buch Nein ist nicht genug:

Es ist jedoch zu vermuten, dass in Beratungseinrichtungen vor allem jene Fälle erfasst werden, in denen sexueller Missbrauch entweder über einen Iangen Zeitraum und/oder durch eine nahe Bezugsperson ausgeübt wird und deshalb schwerwiegende Folgen für das Opfer hat.

Die meisten betroffenen Kinder schaffen es nicht, sich aus eigener Kraft Hilfe zu suchen. Dies zeigt sich auch in der Praxis derart, dass die Kinderschutzdienste häufig von Erzieherinnen und Lehrerinnen angesprochen werden, die den Verdacht des Missbrauchs äußern.

Schätzungen, z.B. des BKA gehen bei Taten im engsten Familienkreis davon aus, dass nur 2 bis 5 % zur Anzeige gebracht werden, d.h. wir müssen davon ausgehen, dass die allermeisten Straftaten gegen Kinder zur Zeit weder vom Strafrechts- noch vom Hilfesystem überhaupt erfasst werden.

Der besondere Hilfsbedarf der in der Familie sexuell missbrauchten Kinder und Jugendlichen ergibt sich aus der Spezifik des sexuellen Missbrauchs, die sich von der Kindesmisshandlung deutlich unterscheidet.

Was ist Kindesmisshandlung?

Ich möchte Ihnen diese schlicht wirkende doch sehr tiefgreifende Definition präsentieren, diese jedoch aus zeitlichen Gründen an dieser Stelle nicht kommentieren.

 

 

 

 

 

Bei der nächsten Übersicht zur Definition sexueller Missbrauch nach Stanislav Grof nimmt diese Erläuterung die erste Ebene ein.

körperlicher Missbrauch



"perfides Dreieck"

emotionaler Missbrauch

intellektueller Missbrauch

Abwertung
Wahrnemung wird
nicht unterstützt

spiritueller Missbrauch

"Seelenmord"
Verlust des Glaubens,
in dieser Welt gut, genährt, geschützt zu sein.

Sexueller Missbrauch kennzeichnet sich durch die Wirksamkeit aller Ebenen des Missbrauchs.
(Definition nach Stanislav Grof)
Der emotionale Missbrauch bedeutet, z.B. ein Kind nicht Kind sein zu lassen, sondern es als Erwachsene oder Elternteil funktionieren zu lassen.
Intellektueller Missbrauch bezeichnet die geschehene Abwertung des Opfers (Z.B. Du hast es selber gewollt), dessen Wahrnehmung generell umgedreht und nicht unterstützt wird (Du hast mich [[den Täter/die Täterin]] verführt etc.)
Der in der Literatur auftauchende Begriff Seelenmord ist dem spirituellen Missbrauch gleichzustellen, dem Verlust des Glaubens prinzipiell in dieser Welt genährt und geschützt zu sein.
Sexueller Missbrauch kennzeichnet sich durch die Wirksamkeit aller Ebenen des Missbrauchs.

Angela May beschreibt den Unterschied folgendermaßen:
"...Bei Misshandlungen wird das (negative) Verhalten des Mädchens oder Jungens spontan zum Anlass der Misshandlung genommen, bei sexuellem Missbrauch plant der Missbraucher seine Tat und sucht gezielt nach Möglichkeiten zu deren Umsetzung. Nach der Tat neigt der Misshandler oder die Misshandlerin oft zu Schuldgefühlen, der Missbrauchstöter leugnet sein Vergehen meist noch, wenn es schon aufgedeckt ist...
Der Kindesmisshandlung liegt gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber körperlicher Züchtigung als Mittel der Disziplinierung zugrunde; sexueller Missbrauch hingegen ist ein gesellschaftliches Tabu.3


Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Umstände des sexuellen Missbrauchs bedeutsam sind. Die Schädigungen sind in der Regel um so größer,

  • je enger die Beziehung zwischen Täter und Opfer ist,
  • je mehr Zwang und (körperliche) Gewalt der Täter anwendet,
  • je massiver die sexuellen Übergriffe sind und
  • je häufiger und länger ein sexueller Missbrauch stattfindet. 4

Bei sexuellem Missbrauch in der Familie fehlt den Kindern die Unterstützung der Eltern. Der Schutzraum, in dem die Kinder eine gesunde Entwicklung Sicherheit und Geborgenheit erfahren müssten, ist in der Regel zerstört. Diese Kinder brauchen eine Beziehungsmöglichkeit außerhalb der Familie, die zumindest Teilfunktionen der zerstörten Familienstruktur übernehmen kann, und für die Interessen des Kindes dort eintritt, wo das Kind, den die Jugendliche selbst überfordert wird.
Die Arbeit der Thüringer Kinderschutzdienste ist durch den kindzentrierten Ansatz geprägt.
Kindzentriertes Arbeiten definiert sich als aktive Unterstützung und Begleitung des Kindes oder des jugendlichen in seiner und ihrer individuellen Lebenssituation und in ihrem und seinem lebenspraktischen Bereich. Dies bedeutet, unter der Prämisse von Transparenz und Klarheit, Kinder oder Jugendliche alters- und situationsadäquat an Entscheidungen zu beteiligen und die Hilfeplanentwicklung mit ihr und ihm gemeinsam vorzunehmen.
Hierzu gehören auch die mit Wissen des Kindes zu führendentespräche mit der Familie, mit Bezugspersonen oder mit anderen Fachdiensten.
Die Kinderschutzdienste Thüringens versuchen durch die Kombination von Beratung, Prävention, Intervention, Therapie und Weiterbildung von Multipikatorlnnen neben der oft unzureichenden Betreuung Betroffener auch die Öffentlichkeit zu sensibilisieren und an einem gesellschaftlichen Prozess mitzuwirken, der die Gefährdungen für Kinde? und Jugendliche, Opfer zu werden, reduzieren soII.

Intervention

Beratung von Kindern und Jugendlichen

Bei den Kindern und Jugendlichen, die sich auf der Suche nach Hilfe, häufig zunächst über Dritte und auch geschützt durch das Vorstellen anderer Probleme an die Kinderschutzdienste wenden, müssen wir davon ausgehen, dass sie im Kontakt mit Erwachsenen Erfahrungen gemacht haben, die ihr Vertrauen zutiefst gestört haben.
Charakteristisch -für Opfer von sexuellem Missbrauch im familiären oder nahen sozialen Umfeld ist auch, dass sie auf Grund von Drohungen unter hohem Geheimhaltungsdruck stehen und ihr Problem erst nach einer längeren Kennenlernenzeit, in der sie Vertrauen fassen können, und in der sie eine Vorstellung von den Folgen einer Aufdeckung entwickeln, ansprechen können.
Um dieses Vertrauen zu fördern und um die in der Regel schwächere Position der Kinder im Familiensystem zu stärken, ist es notwendig, dass die Beraterin oder der Berater sich für das Kind deutlich erkennbar positioniert und Partei für das Opfer ergreift.
Diese so definierte kindzentrierte Haltung ist dem Beratungs- und Aufarbeitungsprozess von Opfern sexuellen Missbrauchs maßgeblich zueigen und entspricht dem gesetzmäßigen Auftrag der Kinderschutzdienste.
Ein exemplarischer Beratungsprozess im Kinderschutzdienst kann in drei zeitlich ineinander übergehende Phasen gegliedert werden:
die Vorbereitungs-, die Aufdeckungs- und die Durchführungsphase.

Die Vorbereitungsphase umfasst:

  • die Erschließung des Zugangs und der langsame Beziehungsaufbau zum Kind,
  • Planung von Verantwortlichkeit, d.h. was ist notwendig zu veranlassen, zu tun, auch um die sekundäre Viktimisierung zu vermeiden,
  • beim Kind bleiben, mit ihm sprechen, es begleiten, ihm glauben, auch wenn seine Aussagen von der Familie oder anderen Personen angezweifelt werden,
  • feststellen, vor wem das Kind zu schützen ist.

Die Aufdeckungsphase, in der der Schutz des Kindes gewährleistet sein muss, beinhaltet:

  • die Aufdeckung mit Wissen des Kindes,
  • gegebenenfalls Beteiligung des nicht misshandelnden Elternteils oder anderer Vertrauenspersonen,
  • Information über Angebote zum Schutz und zur Lebensgestaltung des Kindes,
  • Organisation und Sicherung der Hilfen und Schutzmaßnahmen für das Kind durch schriftliche Vereinbarungen oder rechtliche Interventionen,
  • keine Pflicht zur Strafanzeige durch den Kinderschutzdienst.

Die Durchführungsphase erstreckt sich über viele Jahre und erfolgt im Verbundsystem mit anderen Fachdiensten. Sie beinhaltet:

  • Sicherung des Schutzes des Kindes,
  • fortdauernde lebenspraktische Begleitung,
  • Angebote zur Verarbeitung des Traumas,
  • Ausgestaltung der Hilfen zusammen mit dem Kind,
  • Absprachen und Koordinierung von Hilfen für Eltern, Vertrauenspersonen, Einrichtungen und Fachdiensten,
  • Zusammenarbeit mit dem Jugendamt,
  • gegebenenfalls Hilfe bei rechtlichen Interventionen,
  • Begleitung der Kinder und Jugendlichen bei Gerichtsverfahren.

Alle drei Phasen sind durch folgende Arbeitsprinzipien gekennzeichnet:

  • es ist ein niedrigschwelliges und aufsuchendes Angebot,
  • der Hilfeprozess ist für die Mädchen und Jungen transparent,
  • Parteilichkeit für Kinder und Jugendliche.

Aus therapeutischer Sicht befinden sich folgende Aspekte des Beratungsprozesses im Vordergrund:

  1. Das Erleben einer sicheren vertrauensvollen Beziehung in kindgerechter Atmosphäre ist eine wichtige Erfahrung, die diesen Kindern zu Hause oft fehlt, und die die Grundlage bildet, Kraft zu sammeln, einerseits um traumatische Erfahrungen zu bewältigen, andererseits um den Alltag leben zu können.
  2. Aufarbeitungsprozesse traumatischer Erfahrungen brauchen geschützte Bedingungen.
    Zentral ist eine sichere, vertrauensvolle Beziehung zu der Beraterin.
    Die Beratungsarbeit sollte zum frühestmöglichen Zeitpunkt beginnen können.
    Das Tempo und die Ausdrucksform der Klärung müssen den Möglichkeiten des Kindes entsprechen.

Fremdunterbringung

Die lnobhutnahme des betroffenen Kindes durch das Jugendamt ist oftmals die einzige Möglichkeit, den Schutz vor weiteren Übergriffen zu sichern. Leider gibt es in der BRD (im Gegensatz zu Großbritannien und den USA) nicht die Möglichkeit es sei denn bei eindeutiger Beweislage durch das zeitlich begrenzte Mittel der Untersuchungshaft - den Täter aus der Familie zu entfernen, um dem Kind die Familie zu erhalten.

In der Bekanntmachung des Justizministeriums Niedersachsen vom 23.8.1997, veröffentlicht in der Neuen juristischen Wochenschrift, findet sich folgende Formulierung:

Wenn sich der Tatverdacht gegen Familienangehörige richtet, sorgt sie (die Staatsanwaltschaft) für eine sofortige Benachrichtigung des zuständigen Jugendamtes und stimmt mit dem zuständigen Vormundschaftsgericht sowie mit einer geeigneten Opferschutzorganisation das weitere Vorgehen ab.
In derartigen Fallkonstellationen sind insbesondere die Voraussetzungen eines Untersuchungshaftbefehls gegen den Beschuldigten zu prüfen, da zumindest der Haftgrund der Verdunklungsgefahr häufig vorliegen dürfte. Zur Milderung von Loyalitätskonflikten für das geschädigte Kind kann es im Einzelfall angezeigt sein, eine Au/3ervallzugsetzung des Haftbefehls zu beantragen und dem Beschuldigten aufzugeben, einen gesonderten Wohnsitz zu nehmen und Kontakte mit dem Kind zu unterlassen.5


Eine Fremdunterbringung sollte immer gründlich besprochen werden, damit deutlich ist, dass sie zum Schutz und nicht als Strafe stattfindet,
Als Grund für die lnobhutnahme sollte immer die tatsächliche Ursache, der Missbrauch, benannt werden, auf keinen Fall dessen Folgen, z.B. die Verhaltensauffälligkeiten. Diese werden als Schuldzuweisung empfunden.
Ein wesentliches Dilemma für professionelle HelferInnen entsteht, wenn die Trennung nicht dem Willen des Kindes. Dies konfrontiert uns hin und wieder mit der von Familienrichterlnnen gestellten Frage, ob wir der Meinung seien, dass sexueller Missbrauch schlimmer sei als das Trauma der Trennung. Vielleicht muss die Frage anders gestellt werden:
Folgen sexuellen Missbrauchs sind traumatisch, und die Trennung von einem Elternteil kann traumatisch sein, besonders dann, wenn das Kind sich sowohl am Missbrauch als auch an der Trennung schuldig fühlt. Dieses Dilemma können wir nicht lösen.
Andererseits wäre den betroffenen Kindern viel Schmerz erspart, wenn die Missbraucherlnnen bereit wären, die Verantwortung für ihr Handeln auf sich zu nehmen und dadurch die Kinder von Vermeintlicher Schuld zu entlasten, und bereit wären, sich externer Kontrolle und Betreuung zu unterziehen. Da sie es meist nicht tun, sind Einrichtungen der Jugendhilfe nach differenziert zu fällenden Entscheidungen in bestimmten Konstellationen gezwungen, diese Art der Verantwortung für die Opfer zu übernehmen.
Gleichzeitig stellt diese Haltung die schwierigste, da komplexeste therapeutische Entscheidung an sich dar: missbrauchte Kinder und Jugendliche befinden sich in den meisten Fällen in einer mehrere Generationen umfassenden Familienstruktur, in der in der überwiegenden Anzahl von Fällen immer wieder Missbrauch stattgefunden hat, und häufig am selben Opfer von nicht nur einem Täter.

Sexualstraftäter - Das Doppelgesicht als Identität


Lichtseite

Schattenseite

Mensch mit guten Qualitäten

Mensch mit schlechten Qualitäten

  • materieller und emotionaler Versorger
  • egoistisches Handeln und geringes Maß an Mitgefühl
  • liebende(r) Vater, Mutter, Großvater,
  • autoritäres, bedrohendes und gewaltbereites Machtstreben
  • akzeptierender Bruder, Onkel, Verwandte(r)
  • gezielter Aufbau von Abhängigkeiten
  • fürsorglicher Partner der Mutter
  • verführt mit Geschenken, Zigaretten, Alkohol, Geld und besonderen Zuwendungen,
  • guter Freund der Familie
  • benutzt Vertrauen und Nähe
  • spaltet Opfer und Bezugspersonen,
  • verdreht die Wirklichkeit
  • hilfsbereiter Nachbar
  • verleugnet das reale Handeln
  • vertrauter Lehrer, Erzieher, Sozialarbeiter, Hausmeister,
  • manipuliert das Umfeld (Familie, Ämter, Schule, Polizei, Justiz)
  • ehrgeiziger / geachteter Trainer
  • projiziert eigene Schuld und übergibt Verantwortung auf das Opfer,
  • sympathischer Arbeitskollege,
  • kontrolliert die Beziehungen,
  • bemühter Arzt und Therapeut,
  • stellt Komplizenschaft her,
  • dufter Kumpel, Helfer, Retter,
  • kriminalisiert seine Opfer
  • freundlicher Bekannter
  • älterer Mitschüler
  • unauffälliger Heimbewohner

Diese doppelte Identität der Täter (die auch der eigenen Angstreduktion dient) ist selbst für Erwachsene kaum erkennbar, für das Opfer bringt sie Gefühlsambivalenzen, Verwirrung und Isolation, die ein Schweigen unterstützen.
Der Täter/die Täterin, in der Literatur auch als two faces benannt, kennzeichnen sich durch ihre Lichtseite und die Schattenseite. Die Lichtseite ist es, die die Opfer bindet, nicht die Schattenseite. Die Lichtseite macht die eigene Wahrnehmung so irreal, die eigene Erfahrung so fragwürdig.
Werden Jungen missbraucht, ist es häufig nach einer langen, systematisch aufgebauten Beziehungs- und Vertrauenszeit, so dass der 1. Mißbrauch völlig überraschend geschieht und man es selber, aufgrund der Lichtseite überwältigt, noch nicht fassen kann. Die nächsten Male beginnen schon die Zuschreibungen Du bist schwul etc.

Überschreitung der
Generationsgrenze

 


Konfension eigener
Ich- Grenzen
Parentifizierung

Gehen wir zur strukturellen Ebene - auf meiner Zeichnung sollen die Pfeile einen Hinweis auf die Generationen der Familie geben.
Die pädagogischen und therapeutischen Erfahrungen zeigen, dass in einer Familie sehr viel gut funktioniert, wenn die Generationsgrenzen gewahrt sind. Die Überschreitung der Generationsgrenzen (emotionaler Missbrauch) im Fall des sexuellen Missbrauchs führt zur Konfusion der eigenen Ich-Grenzen. Durch Drohungen seitens des Täters/der Täterin, durch die Geheimhaltungsdynamik, der das Opfer unterliegt, kommt es auch zur Isolation innerhalb der Geschwisterebene.
Ebenfalls aus meiner Erfahrung heraus möchte ich betonen, dass die meisten Symptome und Verhaltensauffälligkeiten von Kindern beziehungsstabilisierende Maßnahmen darstellen, weil Kinder, auch aufgrund ihrer Abhängigkeit von Eltern, im Sinne wohlmeinender Verantwortung, die natürlich nicht von ihnen derart verbalisiert werden kann.

Sexueller Missbrauch wirkt sich auf der strukturellen Ebene häufig familienstabilisierend aus. Diese familienstabilisierende Funktion nimmt das Kind auf einer sehr tiefen unbewussten Ebene für seine Eltern an. Das erläuterte Bonding an den Täter/die Täterin therapeutisch wertzuschätzen, ist für die Stabilisierung des Kindes unerlässlich, gleichzeitig ist bei der Aufdeckung das weitere Zusammenwohnen des Täters mit dem Opfer der sichere Garant für ein tiefes Einschüchtern und Verstummen des Opfers sowie der Weiterführung des Missbrauchs.

Mit der Fremdunterbringung übernehmen die beteiligten Institutionen die Verantwortung. die sie auch haben, sobald sie vom Missbrauch erfahren, dass der Missbrauch beendet wird und entlasten - als wichtigen therapeutischen Schritt - dadurch das Opfer von der eigenen Verantwortung und den Schuldgefühlen gegenüber der Familie.
Fremdunterbringung bedeutet in der Regel eine Heimeinweisung. Andere Möglichkeiten, z.B. Wohngruppen, Einzelbetreuung, werden in Thüringen leider oft erst dann genutzt, wenn andere versagt haben, oder das Kind/der Jugendliche mehrfach aus dem Heim weggelaufen ist und als schwer wiedereingliederbar gilt. So können die Betroffenen auch im Auftrag des Jugendschutzes und aus finanziellen Gründen stigmatisiert werden.

Prävention

Im Rahmen der Präventionsarbeit in Schulen, Kindergärten sowie Beratungs- und Weiterbildungsangeboten für Multiplikatorlnnen tragen Kinderschutzdienste zur Umsetzung des Rechtes von Kindern und Jugendlichen gemäß KJHG 1 Abs. 3. 3. bei, vor Gefahren für ihr Wohl geschützt zu werden.
Als derzeit wesentliche Gefährdungstatbestände und damit als wichtigste Arbeitsschwerpunkte von Kinder- und Jugendschutzdiensten sind zu benennen:

  • Psychische, physische, sexuelle Gewalt gegen Kinder,
  • Aggressivität, Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit bei Kindern und Jugendlichen,
  • Suizidprobleme.

Präventionsarbeit für Kinder- und Jugendschutz hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt.
In der Praxis des Kinder- und Jugendschutzes wie in der Fachliteratur hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass das vorrangige Ziel der Prävention zu sein hat, die Selbstachtung, Selbstbestimmung, und Selbstentfaltung der Kinder zu stärken.
In Präventionsveranstaltungen, z.B. in den Grundschulklassen reden wir mit den Kindern oder Jugendlichen behutsam über den Körper, über Gefühle und über Sexualität und verfolgen das Ziel, ihnen dabei erfahrbar zu machen, dass sie das Recht haben, die Grenzen von körperlicher Nähe selbst zu bestimmen. Es ist sinnvoll, spielerisch oder im Gespräch die positiven Aspekte von Liebe, Freundschaft und Sexualität zu vermitteln, damit Kinder die Möglichkeit entwickeln, wahrnehmen zu können, wenn ihre Grenzen überschritten werden. Das kann insbesondere bei der Suche nach Hilfe von Vorteil sein, wenn Kinder sich nach sexuellen Übergriffen oft nicht artikulieren können.
Unsere Methodik orientiert sich an den Interessen und Fähigkeiten der Kinder oder Jugendlichen. Die Inhalte sind so gewählt, dass ein Gespräch mit einzelnen über Missbrauch oder Misshandlung ermöglicht wird, für die Gesamtgruppe aber kein zentrales Thema ist.
Zur Präventionsarbeit der Kinderschutzdienste gehört immer auch das Beziehungsangebot. Wir sind persönlich oder telefonisch für Kinder, Jugendliche und Erwachsene erreichbar und ermöglichen den Kindern, uns im Rahmen der Präventionsarbeit kennenzulernen. Damit wird die Schwelle, Kontakt mit uns aufzunehmen, für Kinder, die von sexuellem Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung betroffen sind, möglichst niedrig gehalten.

Aspekte des Strafverfahrens aus Sicht der Kinderschutzdienste

Opferschutz als zentrales Anliegen der Kinderschutzdienste im Strafprozess

Gemäß den oben genannten Förderrichtlinien haben Kinderschutzdienste die Aufgabe, Mädchen und Jungen, die körperlich oder seelisch misshandelt, schwer vernachlässigt oder sexuell missbraucht werden sowie Mädchen und Jungen, bei denen ein entsprechender Verdacht besteht,... - (ein) vertrauender und verlässlicher Helfer im zivil- und strafrechtlichen Verfahren zu sein und auch zu bleiben, falls es nicht zu einer Verurteilung kommt oder die Aussage des Kindes bestritten oder sonst angezweifelt wird."
Damit wird im Bezug auf Strafverfahren, in denen Kinder sowohl Opfer als auch Zeugin sein können, die besondere Schutzbedürftigkeit von Kindern berücksichtigt und die Rolle der Kinderschutzdienste beschrieben.

Mitarbeiterinnen der Kinderschutzdienste als Zeugen im Strafprozess

Mitarbeiterinnen der Kinderschutzdienste haben nach 35 Abs. 3 SGB 1 ein Zeugnisverweigerungsrecht in allen Fällen, in denen eine Übermittlung von Sozialdaten nicht zulässig ist. Anvertraute Sozialdaten dürfen ohne Zustimmung dessen, der sie anvertraut hat, nur dem Vormundschafts- oder Familiengericht weitergegeben werden, und nur, soweit dies Voraussetzung notwendiger Hilfegewährung ist, nicht aber dem Strafgericht.6
Kindliche Opferzeugen sind in der Regel gefährdet, die Umstände und Folgen eines Strafprozesses nicht aus eigener Kraft bewältigen zu können.
Im Blickpunkt der Kinderschutzdienste steht neben der Bewältigung vergangener Missbrauchserlebnisse das Bestreben, die Belastungen, die durch den Strafprozess direkt und sekundär durch Druck und Vorwürfe direkt und indirekt betroffener Personen ausgeübt werden, zu minimieren. Gerade in Prozessen, in denen der Angeklagte aus dem persönlichen oder familiären Umfeld des Opfers kommt, entstehen neben der Konfrontation mit traumatischen Erinnerungen und der Belastung durch die Aussage Loyalitätskonflikte für die Kinder. Da sie oft neben der Missbrauchserfahrung in einer positiv erlebten Abhängigkeitsbeziehung zum Angeklagten stehen und sie aus dem sozialen Umfeld neben Unterstützung häufig auch Verunsicherung bis zu massivem Druck erfahren, neigen sie dazu, den Angeklagten nicht zu belasten.
In Fällen, in denen noch keine Anzeige erstattet wurde, ist es aus den hier genannten Gründen aus Sicht der Kinderschutzdienste wichtig, im vertraulichen Gespräch mit den betroffenen Opfern zu klären, ob Anzeige erhoben wird.
Hier muss sorgfältig abgewogen werden ob ein nachhaltiger Schutz des Kindes auf außergerichtlichen Wegen durch Jugendhilfemaßnahmen nicht besser gewährleistet werden kann.
Von Heyl schreibt dazu:
Wenn ein Kind oder ein Jugendlicher Hilfe braucht, ist es nicht erforderlich, zunächst den Sachverhalt aufzuklären, der zu der Hilfsbedürftigkeit geführt hat, soweit auch ohne diese Aufklärung eine sinnvolle Entscheidung über die zu gewährende Hilfe getroffen werden kann. Und das ist meist der Fall7
Wenn der Schutz des Opfers durch entsprechende Jugendhilfemaßnahmen gewährleistet ist, entsteht ein wichtiger Handlungsfreiraum für das Opfer, sich auf eine Anzeige, einen Strafprozess und die damit  einhergehenden Belastungen vorzubereiten und zumindest Teilaspekte mitzubestimmen, was wiederum aus der Sicht des Opfers als Belastungsreduzierung erlebt wird.8   
Andererseits kann sich das Kind entscheiden, von einer Anzeige abzusehen oder den Zeitpunkt der Anzeige selbst zu entscheiden. Dieser Punkt ist, wie vorhin bereits im Zusammenhang der Fremdunterbringung erläutert, von nicht zu unterschätzender therapeutischer Bedeutsamkeit, weil das Bonding akzeptiert wird.
Mitarbeiterinnen der Kinderschutzdienste versuchen, die Kinder zu begleiten, sie in unvermeidlichen Konflikten und Belastungen zu unterstützen und die Erfahrungen in einer dem Alter entsprechenden Form zu bearbeiten.
Hier geht es darum, Kinder und Jugendliche zu informieren, bei der kindgerechten Erklärung des Verfahrensablaufes darauf zu achten, dass das Kind nicht überfordert wird, gemeinsam mit dem Kind Entscheidungen zu treffen, die das Kindeswohl auch auf längere Sicht im Auge behalten, aus
professioneller Perspektive die Entwicklung des Kindes zu verfolgen und bei Bedarf zu intervenieren.
Die Strafverfolgung mit dem berechtigten Anliegen, die Gesellschaft bzw. andere Kinder vor dem Täter zu schützen, gehört ausdrücklich nicht zu den Aufgaben der Kinderschutzdienste, da die Strafverfolgung in bestimmten Fällen nicht im Interesse des Schutzes des betroffenen Kindes sein kann, wie bereits mehrfach erläutert. In diesen Fällen wird von uns das Prinzip der Parteilichkeit für das einzelne Kind über das öffentliche Interesse gestellt.

Anzeige

Der Kinderschutzdienst berät Kinder und jugendliche bzw. deren Bezugspersonen (Eltern, Familienangehörige u.a.) zu den Bedingungen, dem Ablauf von Anzeigen und gerichtlichen Verfahren sowie den Hilfsangeboten des Kinderschutzdienstes.
Wenn es zur Anzeige kommt, was Entscheidung des Kindes/jugendlichen/der Eltern ist, gehört zu den Hilfsangeboten:

  • die umfangreiche Information/Beratung/Begleitung,
  • die Empfehlung erfahrener Rechtsanwältinnen (NebenklagevertreterInnen),
  • die Herstellung des Kontaktes zur Polizei.

Wünschenswert aus unserer Sicht wären generell kostenfreie Opferanwältlnnen für Kinder.
Notwendig ist der Blick auf die Persönlichkeit des Kindes/Jugendlichen, insbesondere im Hinblick darauf, ob das Kind/der Jugendliche den Anforderungen polizeilicher/richterlicher Vernehmung und dem Gerichtsverfahren gewachsen ist.
Das Kind/der/die Jugendliche hat natürlich Angst vor der Polizei immer wieder die Frage: wird mir geglaubt? Kann ich mich an alles auch erinnern? Welche Fragen muss ich überhaupt beantworten? Sage ich etwas Falsches? Und muss der/die Täterln ins Gefängnis? Passiert etwas Schlimmes, sowie es mir angedroht
wurde, wenn ich etwas sage? Hat mich meine Mutter noch lieb, wenn ich etwas gegen Papa sage? Glauben die mir auch?

An dieser Stelle möchte ich ihnen gerne aus therapeutischer Sicht erläutern, warum die Vernehmung neben dem bereits geschilderten Bonding so schwerwiegend für das Opfer ist.
Sie kennen ganz bestimmt alle das Phänomen morgens mit dem Auto an die Arbeit zu fahren, am Arbeitsplatz angekommen zu sein, ohne sich erinnern zu können, welchen Weg sie denn eigentlich genommen haben. Der Automatismus des Autofahrens, der Strecke etc. hat es ermöglicht, dass Sie Ihre Ihnen bewusste innere Aufmerksamkeit auf anderes haben richten können, auf Ihre Planung der Arbeit oder einen Tagtraum o.ä.
Eine anderes Beispiel von mir:
Wir haben in unserem Kinderschutzdienst eine Stufe, über die eine Jugendamtsmitarbeiterin, als sie uns besuchte, so stolperte, dass sie stürzte. Ich ging hinter ihr, und während ihres Fallens sah ich schlagartig genau diesen Fall in langsamster Zeitlupe vor mir, bemüht, sie aufzufangen. Dieses Phänomen war sofort beendet, als sie hingefallen war. Dies wird als Zeitverzerrung bezeichnet. Die reale Zeit vergeht, die Wahrnehmung ist subjektiv eine vollkommen andere. Solche Wahrnehmungen und Ereignisse geschehen in jedem Alltag und immer wieder und werden als Trancephänomene bezeichnet.
In Notfallsituationen gehen Menschen physiologisch nachweisbar meist sofort in eine Trance, d.h. in eine besondere Art der Fokussierung von Aufmerksamkeit, und im Notfall des traumatisch erlebten Missbrauchs natürlich auch. Das kann zu den verschiedensten Trancephänomenen führen, bis hin zu den out of body-experiences, dass die Frauen sich als das Geschehen aus anderer Perspektive betrachtend  erleben was geschieht mit der da unten?, um nur ein Beispiel zu nennen. Zeitverläufe werden anders erlebt und Geschehen unterliegen einem vom bewussten Wachzustand zu unterscheidenden emotionalkognitiven Aufnahme- und Verarbeitungsmodus.
Das Geschehen ist auch nur so abrufbar manchmal reichen ein, zwei Erinnerungsanker, die zur damaligen Situation gehörten, aus, dass die Opfer ihre flash backs erleben, die sie zum Teil auch nicht eindeutig zuordnen können.

Es ist einleuchtend, dass die Fragen zu großer Verunsicherung führen, weil sich das Opfer auf andere Art und Weise erinnert und gebunden fühlt.
Die Eltern bzw. die Vertrauenspersonen leiden unter Gefühlen der Ohnmacht und neigen zum Aktionismus schnell etwas zu tun, damit der Täter bestraft wird. Gleichzeitig ist durch die Konzentration auf die eigene Befindlichkeit (Vergeltung der Tat, Rache, Verlust des Partners) der Blick auf die Situation des Kindes/Jugendlichen nachvollziehbar verstellt.
Die Beschreibung der Idealsituation finden wir aus unserer Sicht bei Prof. Tilmann Fürniss wie folgt:
Bei einem begründeten Verdacht und einer ersten Äußerung des Kindes gilt es, im One Step Verfahren eine Erstaussage rechtlich eindeutig, endgültig und dauerhaft durch eine unmittelbare und sofortige richterliche Anhörung oder Vernehmung, möglicherweise unter Einsatz von Videotechnologie zu verankern.9 Im selben One Step Verfahren zum allerersten Zeitpunkt der Intervention und nicht erst nach Monaten oder Jahren muss, wenn überhaupt sinnvoll und notwendig, die Glaubwürdigkeit der Aussage des Kindes und das Kind selber und sein Entwicklungs- und psychischer Zustand beurteilt werden. Es ist unmöglich, derartige Aussagen nach sechs Monaten oder Jahre nach der Erstaussage oder nach einer Verdachtsevaluation bei einem begründeten Verdacht durch eine direkte Glaubwürdigkeitsbegutachtung des Kindes zu beurteilen. ..."10

Der Vorteil einer frühen richterlichen Vernehmung und/ oder Aufzeichnung per Video besteht nicht nur in
der Verringerung der mehrfachen Belastungssituation durch die zahlreichen Vernehmungen für das
Kind/die Jugendliche, sondern auch darin, dass eine Beratungsarbeit frühestmöglich ansetzen kann und
Beraterin und Therapeutin nicht dem Vorwurf der Einredung und der Suggestivangebote ausgesetzt sind
und damit die Aussagen der Zeugin angezweifelt werden. Gleichzeitig verbessert die Aufzeichnung einer
frühen Vernehmung auf Video die Bedingungen für die Wahrheitsfindung. Die Belastung durch
Mehrfachvernehmungen kann auch dadurch reduziert werden, indem die Betroffenen über ihr
Aussageverweigerungsrecht gegenüber der Polizei informiert werden. Darüber hinaus sollten die
Vernehmungen tatsächlich nur von einer Person durchgeführt werden.
Die Präsentation der auf Video aufgezeichneten Erstaussage würde eine erhebliche
Belastungsreduzierung mit sich bringen, da alle potentiellen Stressoren der Hauptverhandlung sowie die
belastungsrelevante Zeit vor der Hauptverhandlung entfallen.
Es bleibt die Frage, inwieweit auf Jede weitere Befragung verzichtet werden kann, da eine Erstaussage
den Beginn einer Ermittlung darstellt und wesentliche Ermittlungsergebnisse u. U. noch nicht bekannt
sind. Auf jeden Fall ist Voraussetzung einer solchen Vorgehensweise, dass kompetente
Erstvernehmende, was durch einen mobilen richterlichen Dienst umsetzbar wäre, in der Lage sind, gute,
vollständige und nichtsuggestive Befragungen durchzuführen, da etwaige Fehler bei der Erstvernehmung
im Laufe des Verfahrens nicht ausgeglichen werden können und sich anderenfalls das Interesse von der
Aussage des Kindes auf die Art der Vernehmung verlagert.
In Absprache mit der Polizeidirektion Erfurt (K 13) ist die Vernehmung dort schon in den Räumen des
Kinderschutzdienstes möglich. Bei den Kindern unter 14 Jahren wird von der Möglichkeit der richterlichen
Vernehmung auf Antrag bei der Staatsanwaltschaft Gebrauch gemacht; eine Aussage bei der Polizei ist
dadurch nicht mehr notwendig. Die RichterIn kann als Zeugin bei Gericht auftreten und eine weitere
Vernehmung des Kindes ist dann unter Umständen hinfällig.
Für die Erstvernehmung, wie dann später im Hauptverfahren, gilt natürlich, dass Sprache ein zentraler
Bestandteil unseres Lebens ist. Mit ihrer Hilfe erfassen wir die Welt und beschreiben unsere
Wirklichkeiten. Dadurch kann Sprache durch Lautstärke, Heftigkeit der Ausdrucksweise, Tonfall zum
Machtmittel werden und als einschüchternd empfunden werden.
Auseinandersetzungen über die Zulässigkeit von Fragen, unvermeidbare oder gar gezielt eingesetzte
Störungen, wie z.B. Husten, auffälliges Aktenblättern, Zischen, Gesten der Zustimmung oder des
Protestes oder sonstige Versuche der Einflussnahme, können Kinder und Jugendliche empfindlich
beeinflussen.
Auch die Wortwahl ist zentral bei der Wahrheitsfindung:
In der Begrifflichkeit von Beziehung, Beischlaf, Geschlechtsverkehr kommt die zugrundeliegende
Gewalt nicht zum Ausdruck.
Es sind Begriffe, die dem Intimleben gleichberechtigter erwachsener Personen entnommen sind und von
Erwachsenen vorgegeben werden.
Es ist ausreichend, jede Frage einmal zu stellen, Wiederholungen durch u. U. verschiedene Personen verunsichern die Betroffene nur.

Ermittlungsverfahren - Glaubwürdigkeitsgutachten

Während der mündlichen Vernehmung der/des verletzten Zeugin liegt die Ermittlungsakte mit allen
bisherigen Aussagen sämtlicher vernommener Personen vor und ist, bis auf die/den Schöffinnen, allen
bekannt.
Von der Zeugin/dem Zeugen, die erfahrungsgemäß zweimal von der Polizei, einmal von der
Staatsanwaltschaft und ein weiteres Mal im Rahmen eines Glaubwürdigkeitsgutachtens zum Sachverhalt
gehört wurde, liegen vier Protokolle vor, Im Gegensatz zu der gängigen Praxis in den USA werden im
deutschen Strafverfahren keine Wortprotokolle geführt und jedes Protokoll beinhaltet natürlich sowohl den
persönlichen Sprachgebrauch, als auch eine der eigenen Wahrnehmung entsprechende Interpretation
der jeweiligen protokollführenden Person.
Sinngemäß gleiche Fragen zum Sachverhalt können unterschiedlich formuliert sein, Antworten können
daher unterschiedlich ausfallen und in der Hauptverhandlung wird zu Recht eine widerspruchsfreie
Schilderung des Sachverhaltes erwartet.
Bei jedem Widerspruch, bei neuen aufsteigenden Details und Erinnerungen steigt die Angst vor der
nächsten Frage.
Der Wahrheitsgehalt der Aussage wird immer dann besonders angezweifelt, wenn

  • Opfer und Täter miteinander verwandt sind - je enger der Verwandtschaftsgrad, desto größer die Zweifel an der Glaubwürdigkeit,
  • wenn jugendliche Mädchen den Vater bzw. Stiefvater oder eine Person, die für sie die Vaterrolle übernommen hat, anzeigen,
  • der Täter in der jeweiligen Stadt ein angesehener und/ oder wohlhabender Bürger ist. Sexueller Missbrauch gilt hier immer noch als Ausrutscher, einmaliges Fehlverhalten unter Alkoholeinfluss oder Kavaliersdelikt.
  • Opfer verhaltensauffällig oder delinquent sind.

In der Regel wird vom Gericht, manchmal jedoch schon im Ermittlungsverfahren, also, bevor es zum
Prozess kommt, von der Staatsanwaltschaft die Erstellung eines Glaubwürdigkeitsgutachtens für das Kind
beantragt. Diese basieren u.a. auf Tests, die das Kind/die Jugendliche auf folgende Eigenschaften hin
überprüfen: Realistik und Wirklichkeitsnähe, Konstanz, Widerspruchslosigkeit zu anderen feststehenden
Tatsachen, konkrete und anschauliche Schilderung des Tathergangs, Stimmigkeit der Darstellung, die
Fähigkeit, Einzelheiten zu schildern sowie zeitliche und räumliche Verankerung. Darüber hinaus wird das
intellektuelle Niveau, die Qualität der Beobachtungsfähigkeit das Erkennen sozialer Gesamtsituationen,
das Vorstellungsvermögen und die Phantasietätigkeit, die Suggestibilität, Konzentration, Lügentendenz
u.a. getestet. Das Verhalten des Kindes wird beobachtet, beurteilt und schriftlich festgehalten. ist über die
Eröffnung des Hauptverfahrens positiv entschieden worden und hat die Hauptverhandlung begonnen, so
kann auch jetzt noch zu jedem Zeitpunkt der Verhandlung in einem Beweisantrag die Erhebung eines
Glaubwürdigkeitsgutachtens gefordert werden. Einen solchen Beweisantrag abzulehnen kann unter
umständen einen Revisionsgrund darstellen, d.h., das gefällte Urteil kann vom Bundesgerichtshof
aufgehoben werden, da das Gericht gemäß 244 StPO zur Erforschung der Wahrheit alle Tatsachen und
Beweismittel zulassen muss, die für die Entscheidung von Bedeutung sind. Die Verhandlung wird dann
noch einmal angesetzt und vor der nächsthöheren Instanz neu verhandelt. Für das Kind beginnt alles
noch einmal von vorn, erfahrungsgemäß ein weiteres Jahr des Wartens.
Wenn die Zeugin ihre Aussage bereits gemacht hat, bedeutet das für sie, dass ihr nicht geglaubt wird.
Dabei sind sie aus ihrer kindlichen Perspektive nicht in der Lage zu erkennen und zu verstehen, dass es
oft ein strategisches Vorgehen der Strafverteidiger ist.
Ein Glaubwürdigkeitsgutachten ist eine psychologische Untersuchung, die den Wahrheitsgehalt einer
Aussage überprüfen soll. Die Kinder und Jugendlichen haben das Gefühl, dass ihnen von vornherein mit
Misstrauen begegnet wird und dass ihre Glaubwürdigkeit grundsätzlich in Zweifel gezogen wird.
Diese Testsituation ist sehr belastend: Sie befinden sich unter Druck, nichts falsch machen zu dürfen; sie
wissen, dass alles von diesem Gutachten abhängt und haben Angst, dass ihr Verhalten gegen sie
verwendet wird. Sie wissen aber nicht, wie sie sich richtig verhalten sollen. Die Erfahrung hat gezeigt,
dass die Gutachterinnen wenig erklären und die Ergebnisse oft nicht mitteilen.
Diese aufwendigen und teuren Gutachten dienen ausschließlich der Feststellung, ob der/die Betroffene
glaubwürdig ist oder nicht. Dass die gestörte Entwicklung auch Folge des Missbrauchs sein kann, wird
dabei kaum berücksichtigt. Nach den Tests und dem allgemeinen Eindruck zur Persönlichkeitsstruktur
folgt eine Exploration zum Sachverhalt, der sich aus der Anklageschrift ergibt. Bei der forensischpsychologischen
Begutachtung gibt es zwar wissenschaftliche Grundlagen für die Bearbeitung konkreter
Fragestellungen, jedoch sind die Kriterien der Gutachterlnnen nicht selbstverständlich zu begreifen und
wesentlich vom beruflichen und persönlichen Selbstverständnis der Untersuchenden abhängig. Bei der
Beurteilung der Glaubwürdigkeit handelt es sich um einen hypothesengeleiteten Überprüfungsprozess,
dem Alternativhypothesen gegenübergestellt werden; einschließlich einer Analyse möglicher Motive für
eine Falschaussage.
An diesem Punkt greift die an die Zeugin gerichtete subjektive Erwartungshaltung der Gutachterln am
wahrscheinlichsten.
Die vorgeschlagene Anregung der Videoaufzeichnungen von der Vernehmung als Möglichkeit der
Aussage vor Gericht könnte ein Glaubwürdigkeitsgutachten zu einer Ausnahme in besonderen Fällen
werden lassen. Es ist in Thüringen durchaus üblich, dass das Gerichtsverfahren zwei bis drei Jahre nach
der polizeilichen Vernehmung stattfindet. Zu diesem Zeitpunkt haben die Kinder viele Einzelheiten des
Tathergangs wieder vergessen. Mädchen, die nach der Offenlegung des Missbrauchs eine Therapie
begonnen haben, haben sich in diesem Jahr sehr verändert. Sie haben an Selbstbewußtsein und Stärke
gewonnen. Es kann dann durchaus passieren, dass ihnen ihr selbstbewußtes Auftreten im Gerichtsaal
negativ ausgelegt wird, da es schwer vorstellbar ist, dass sich ein selbstbewußtes Mädchen
missbrauchen läßt. Hier ist es wichtig, dass die Nebenklagevertreterin dem Gericht diesen
Veränderungsprozess als Ergebnis der Therapie erklärt.
Bei der Beantwortung der Frage, ob eine aussage- psychologische Begutachtung kindlicher Zeugen
erforderlich ist, sollte berücksichtigt werden, dass nach wissenschaftlichen üntersuchungen spontane
kindliche Aussagen in 92% bis 95% aller Fälle der Wahrheit entsprechen (vgl. Scholz/Endres, NStZ 1994,
466 [[470]]). 11
Wie selbst die höchstrichterliche Rechtsprechung betont, ist es ureigenste Aufgabe des Tatgerichts, die
Beweise und mithin auch die Glaubwürdigkeit der Beweise selbst zu beurteilen und gehört von jeher zum
Wesen richterlicher Rechtsfindung.
Insoweit kann und darf es für Kinder kein Sonderrecht geben.12 Glaubwürdigkeitsgutachten sind mit
anderen Worten nur eine prozessrechtliche Krücke.13

Gynäkologisches Gutachten / Ärztliche Untersuchung

Ist vom sexuellen Missbrauch eines Mädchens die Rede, atmen alle in den Fall Involvierten auf, wenn
das Schlimmste, als das immer noch die vaginale Vergewaltigung gilt, nicht passiert ist. Alle anderen
erniedrigenden und verletzenden Handlungen werden in juristischer Praxis als weniger schwerwiegend
eingestuft. Eine vaginale Vergewaltigung wird mit dem höchsten Strafmaß belegt; auch wenn für viele
Mädchen orale und anale Vergewaltigungen genauso schlimm oder demütigend empfunden werden, gilt
die Jungfräulichkeit gesellschaftlich noch als das höchste Gut.
Daher wird als sicherster Beweis für die Richtigkeit der Angaben meistens eine gynäkologische
Untersuchung angeordnet, häufig mit dem Ziel, feststellen zu lassen, ob das Hymen des Mädchens noch
intakt ist. Dazu werden die Mädchen oftmals gegen ihre Zustimmung und ohne sie vorher zu informieren
zur Untersuchung zu einem Gynäkologen gebracht, den sie in der Regel gar nicht kennen. Wird die
Untersuchung gegen den körperlichen Widerstand des Mädchens durchgeführt, kann sie wie eine weitere
Vergewaltigung empfunden werden.
In der Regel erbringen gynäkologische Untersuchungen im Falle eines sexuellen Missbrauchs, deren Ziel
die Sammlung objektivierbarer Beweise ist, nicht das erwünschte Ergebnis. Nur eine Vergewaltigung,
durch die ein Hymenriss erfolgte, oder bei der unmittelbar nach der Tat Spermaspuren nachweisbar sind,
lässt sich durch ärztliche Untersuchung nachweisen. Alle weiteren sexuellen Missbrauchshandlungen
hinterlassen in der Regel keine körperlichen Verletzungen. die ausschließlich auf einen sexuellen
Missbrauch hindeuten. Für Rötungen an der Scheide, Fissuren am After, Striemen, Hämatome im
Genitalbereich lassen sich immer andere Ursachen aufführen, sodass der sexuelle Missbrauch nicht mehr
eindeutig bewiesen werden kann.
Wir halten es bei der Anordnung von Glaubwürdigkeitsgutachten und noch vielmehr bei den
gynäkologischen Gutachten für unabdingbar, dass die Belastung für die Opferzeuglnnen durch diese
Gutachten mit berücksichtigt wird und sorgfältig abgewogen wird, ob die zu erwartende Beweiskraft eines
Gutachtens im angemessenen Verhältnis zu dieser Belastung steht.

Hauptverhandlung

Viele verletzte Zeuginnen erscheinen ohne rechtlichen Beistand zur Gerichtsverhandlung, was auf
Unwissenheit und Uriinformiertheit über die Rechte der Nebenklagevertretung oder Zeuglnnenbeistand
schließen lässt. Hier wäre bereits zu Beginn eine Kooperation zwischen Kriminalpolizei, Jugendamt,
Schule, wo auch immer der Erstkontakt stattfindet und dem Kinderschutzdienst sinnvoll, indem dort auf
unsere institutionalisierte Hilfe hingewiesen und der Kontakt hergestellt wird.
Wenn sich eine Vernehmung der Opferzeugln in der Hauptverhandlung nicht vermeiden lässt, wäre es
hilfreich, folgende Punkte zu berücksichtigen:
Die Prozessvorbereitung, Begleitung, Betreuung und Nachbetreuung muss von Sozialpädagoglnnen oder
Psychologinnen durchgeführt werden, die sowohl über eine ausreichende Fachkompetenz zur Beratung
und Betreuung verfügen, als auch mit den betreffenden gesetzlichen und gerichtlichen Bedingungen des
Prozesses vertraut sind.
Sinn der Zusammenarbeit ist zuvorderst die direkte Unterstützung der betroffenen Zeugin.
Gegenüber dem Gericht und der Staatsanwaltschaft kann ihre sozialpsychologische Situation verdeutlicht
werden. Ziel aller Maßnahmen muss es sein, die Belastungsmomente auf ein erträgliches Minimum zu
reduzieren, wobei sich das Vorhaben an den individuellen Voraussetzungen der Betroffenen orientieren
muss.
Der Angst vor der machtvollen und autoritären Atmosphäre des Gerichtes kann durch vorheriges
Kennenlernen der Räumlichkeiten begegnet werden. Die meisten Menschen fühlen sich wohler und
sicherer, wenn sie schon vorher den Raum kennen, in dem sie zu so einem außerordentlichen Anlass
agieren müssen.
Besonders für Kinder scheint es uns sinnvoll, wenn die Videoübertragung nicht realisierbar ist, die
Sitzordnung im Verhandlungssaal umzugestalten.
Da dies in der Verhandlung üblicherweise nicht geschieht, ist es weiterhin sinnvoll, im Vorfeld die
Funktion verschiedener Prozessbeteiligter zu klären.
Ebenso kann ein abgelegener Platz gewählt werden, an dem sich aufgehalten werden kann, ohne mit
dem Angeklagten oder fremden Personen in Sichtkontakt zu kommen.
ideal und immer wieder positiv bewertet wird die Einrichtung eines Zeugenraumes, wie im Landgericht
Erfurt, den wir als Kinder- und Jugendschutzdienst sehr begrüßen.
Ist keine Vernehmungsübertragung möglich, könnte die Richterin vielleicht ohne Robe das Kind/den
Jugendlichen von dort abholen.
Die Belehrung des ohnehin verunsicherten Kindes/Jugendlichen sollte in der dem Alter angemessenen
Sprache stattfinden.
Wichtig ist die Entscheidung des/der Betroffenen über den Ausschluss oder den Nicht-Ausschluss der
Öffentlichkeit.
Das Gericht hat die Möglichkeit, gegen den Willen der Betroffenen Öffentlichkeit zuzulassen, darf sie aber
nicht ausschließen, wenn der/die Betreffende auf der Herstellung von Öffentlichkeit, die auch
unterstützende Präsenz bedeuten kann, besteht.
Der/die Opferzeugin wird mit ihrer/m Betreuerin vor- besprochen haben, ob ihr/ihm eine Aussage in
Anwesenheit des Angeklagten möglich ist. In unserer Erfahrung war es eigentlich die Regel, dass keine/r
Betroffene/r in Anwesenheit aussagen wollte. In einer Studie des Bundesministeriums für Justiz vom
Dezember 1996 mit dem Titel Belastungserleben von Kindern in Hauptverhandlungen wurde diese
Maßnahme zum kindlichen Zeugenschutz sehr hoch bewertet.

Beurteilung von Vorschlägen zum Schutz kindlicher Zeugen

Wie sie sicher schon selbst erlebt haben, nehmen Kinder und Jugendliche ihre Aussagen in Anwesenheit des Täters vor lauter Angst leicht zurück. Sie befürchten, er könne alle Drohungen wahr machen und haben große Loyalitätsambivalenzen gegenüber der Familie.
Die Vernehmung unter Ausschluss des/der Angeklagten ist dagegen gemäß 247 StPO nicht als Regel vorgesehen, sondern an Bedingungen geknüpft, wie die Befürchtung, dass eine Zeugin in Gegenwart des/der Angeklagten nicht die Wahrheit sagt, oder an die Befürchtung, dass bei einer Vernehmung einer Person unter 16 Jahren als Zeugin in Gegenwart des/der Angeklagten ein erheblicher Nachteil für das Wohl des/r Zeugin entsteht.
Vorgeschlagen wird unsererseits und auch in der erwähnten Studie des Bundesministeriums für Justiz auf Bitte der Zeugin, den Angeklagten bei der Vernehmung auszuschließen.
Diese zentrale Frage an den/die Zeugin trägt mit zu dem positiven stärkenden Gefühl bei, den Prozess
nicht passiv erduiden zu müssen, sondern selbst mitgestalten zu können. Das Gefühl, einem Procedere
nicht machtlos ausgesetzt zu sein, lässt Kinder und Jugendliche schwierige Situationen, deren Sinn sie
einsehen, ohnehin leichter ertragen.
Die Anwesenheit einer Vertrauensperson während der eigenen Aussage wurde von der Mehrheit der
befragten Kinder als hilfreich angegeben. Diese Maßnahme lässt sich leicht realisieren, da sich aus der
gegebenen Strafprozessordnung keine Hindernisse ergeben. Diese Vertrauensperson soli so gewählt
sein, dass das Kind keine zusätzlichen Rücksichtsnahmen auf deren psychische Situation walten lassen
muss. Hier sehen wir uns als professionelle Begleitung gefragt.

Nebenklage

Wir halten es für wichtig, dass schon jetzt die Möglichkeiten der Nebenklage erschöpfend genutzt werden;
darüber hinausgehend hat der Deutsche Juristinnen Bund einen Reformentwurf vorgelegt, den wir sehr
begrüßen Ein maßgebliches Interesse des Entwurfes ist es, die Handlungskompetenz von Verletzten im
Strafverfahren zu stärken: sie mögen zwar Opfer einer Straftat geworden sein, sie sind im Verfahren
jedoch nicht auf diese Rolle festgelegt. Im Gegenteil kann das Strafverfahren wie die Praxis vieler
Prozesse zeigt den Verletzten durchaus auch ein Gefühl eigener Subjektivität und
Handlungskompetenz (zurück-) geben. Der Entwurf soll aber gleichzeitig auch Belastungsgrenzen als
Zeugin oder Zeuge eines Strafverfahrens durch Schutzrechte prototypisch verdeutlichen und individuell
sichern helfen.
Nebenklage ist Handlungskompetenz, nicht Opferstatus. Sie sichert den Verfahrensverlauf, das Forum,
damit auch Verletzte als Subjekte an einem kommunikativen Prozess der Verantwortungsübernahme
beteiligt sind.14

Das Urteil

Im Urteil des Strafprozesses müssen sowohl Auflagen für eine vorzeitige Haftentlassung gemacht als
auch eine Regelung des Sorge-15 und des Umgangsrechtes festgelegt werden.
Aus Sicht der Kinderschutzdienste sollte Vätern und Müttern, die ein Kind missbraucht haben,
grundsätzlich das Sorgerecht entzogen werden. Da sexueller Missbrauch eine Wiederholungstat ist, sollte
ihnen das Sorgerecht auch nach verbüßter Strafe - zum Schutze des Kindes - nicht wieder zugesprochen
werden.
Des weiteren sollte der Täter/die Täterin verpflichtet werden, sich einer sexualtherapeutischen
Behandlung zu unterziehen ( 56cIII Nr.1 StGB), ohne dass dies zur vorzeitigen Haftentlassung führt.
Darüber hinaus ist dem Verurteilten aufzugeben, die Therapiekosten für das geschädigte Kind zu
übernehmen ( 56 b Ii Nr. 1 StGB)16
Diese Forderungen finden Sie auch in der Bekanntmachung des niedersächsischen Justizministeriums
vom 23.8.1997.
Bei jedem Urteil darf die Sorge für weitere Kinder nicht vergessen werden.
Weiterhin fordern wir, Schmerzensgeld- und Schadensersatzforderungen grundsätzlich in einem
Adhäsionsverfahren geltend zu machen. Ebenso, und damit schließen wir uns dem DJB an, sind die dem
Verletzten erwachsenen (Anwalts-)kosten dem Beschuldigten aufzuerlegen, wenn er ... verurteilt wird (vgl.
DJB 40).
Durch unseren Kontakt mit den Klientinnen wissen wir, dass diese sich eine Information seitens des
Gerichtes über den Zeitpunkt der Haftentlassung des Täters/der Täterin wünschen.

Multiprofessionelle Zusammenarbeit als Perspektive für effektiveren Kinder- und Jugendschutz

Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass fast jeder Mensch bei Thematiken und Fragen, die so exklusiv in
die Privat- und Intimsphäre hineinreichen, eine äußerst geringe Vertrauensbereitschaft gegenüber
Einrichtungen in staatlicher und kommunaler Trägerschaft besitzt, auch wenn diese ihrem Anspruch nach
eher als weltanschaulich neutral zu bezeichnen sind.
Wichtig ist die Wahrung der professionellen Vertraulichkeit der Kinderschutzdienste.

Familie und soziales Netz

Das Strafrechts- und Helfersystem sind ein komplexes institutionelles Gebilde, mit dem die Familie konfrontiert ist, besser: das die Familie umschließt.
Die bewussten und unbewussten Einflüsse, die hier wirken, sind vielfältig. Wichtig ist dabei: es handelt sich hier nicht um ein klar gegliedertes, ausgewogenes, in sich kohärentes Gebilde, sondern um ein außerordentliches System von Kommunikationen, um ein Durcheinander von Systemen, Haltungen, Worten, Gesten, Maßnahmen, Unterlassungen, zu dem jeder, der hier eingreift, dazu gehört, egal, ob er/sie es will oder nicht.
Um nicht häufig zusammen mit der Familie unterzugehen, ist es wichtig,

  1. zu klären: wo man selbst in diesem komplexen Durcheinander steht,
  2. sich bewusst zu machen, wie man wahrgenommen wird und wie man sich selbst sieht,
  3. sich Rechenschaft abzulegen darüber, wie die eigenen Handlungen wirken, ob sie auf Hilfe, auf Verwaltung, auf Veränderung, auf Kontrolle usw. hinauslaufen.

Anzustrebender professioneller Standard erfordert die ständige Supervision und fortlaufende
Qualifizierung aller in den Einzelfall Involvierten aus den verschiedenen Berufsgruppen.
Die Etablierung und Pflege regionaler Arbeitskreise der beteiligten Professionellen sind effizienzsteigernd
und der notwendigen Transparenz und Klarheit bei diesen verwirrenden, da sich meistens
widersprechenden, Aussagen dienlich.
Es gibt unter Professionellen individuelle und kontroverse Ansichten, da auch sie unterschiedlich
betroffen sind: aufgrund ihre eigenen Biographie, ihres eigenen Geschlechts und ihrer eigenen
Berufserfahrung.
Rollenkonflikte von Beraterlnnen können nicht vollständig bei aller Bewusstheit gelöst werden. Ihr
Aufgabenbereich ist da begrenzt, wo die Aufgabenstellungen anderer Fachleute beginnt. Sie/Er kann und
soll nicht die Kompetenzen anderer übernehmen und sollte sich nicht scheuen, aus der eigenen
beruflichen Perspektive und der eigenen Kenntnis über psychodynamische Zusammenhänge immer
wieder das Gespräch mit anderen zu suchen.
Sie/Er ist Expertln für diesen Bereich, sowie MitarbeiterInnen anderer Einrichtungen Expertinnen für deren
Bereich sind. Zusammenarbeit und Vernetzung bedeutet, nicht mehr Herrin eines Verfahrens zu sein,
aber niemals der Verantwortung für das betroffene Kind enthoben zu sein,
Das ist manchmal schwer zu ertragen, darf aber nicht dazu führen, in der Identifikation mit den Opfern zu
resignieren, sondern sich zu bemühen, den Sachverstand in Entscheidungsprozesse mit einzubringen.
Um den aus der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Fachrichtungen resultierenden
Schwierigkeiten wirkungsvoll zu begegnen, ist es sinnvoll, Leitlinien der Kooperation zu entwickeln, die es
ermöglichen, betroffenen Kindern und jugendlichen koordinierte fachliche Hilfe leisten zu können.
Die Leitlinien stützen sich auf das KJHG und stellen das Wohl und den Schutz der Betroffenen in den
Vordergrund.
Wir freuen uns heute mit Ihnen erste oder weitere Schritte der multiprofessionellen Kooperation gehen zu
können.