TLZ 08.02.2011 Die Gesichter der Armut
von Monika Köckritz (TLZ).
Mit dem Thema Jugendarmut befasst sich eine Fortbildung in der Villa Lampe

Kinderarmut hat für Thomas Holzborn, Leiter der Villa Lampe, viele Gesichter. Über die finanzielle Not hinaus fehlt es den Betroffenen an Zuwendung, an Geborgenheit in der Familie, an Gesundheitsfürsorge. ,,Viel zu schnell wird die Armut auf den Mangel an Geld reduziert", betont Holzborn. Eine Arbeitstagung in der Villa Lampe soll die vielen Facetten in den Blick rücken.
Ein- bis zweimal im Jahr bietet die Landesarbeitsgemeinschaft der Katholischen Jugendsozialarbeit, deren Vorsitz Holzborn inne hat, eine Fortbildung an. Das Thema der Tagung am kommenden Montag: ,,Kein Job, kein Geld und keine Lust, sich anzustrengen - Jugendarmut in Thüringen". Es soll, betont Holzborn, mal ein etwas anderer Blick auf die Kinder- und Jugendarmut gewagt werden. Dass die Tatsache der Armut im Fokus der Öffentlichkeit stehe, sei völlig berechtigt. Aber hier nur den um fünf Euro höheren Hartz IV-Regelsatz anzuführen, womit das Problem gelöst sei? ,,Da sagen wir entschieden nein", erklärt Holzborn für alle Mitglieder der Landesarbeitsgemeinschaft. Dem Gremium gehören die Katholische Arbeitnehmerbewegung, das Kolpingwerk, die Malteser, Caritas sowie die Jugendseelsorge jeweils mit ihren Einrichtungen an.
Auf die jüngste Shell-Studie zum Thema wird der Villa-Leiter auf der Beratung Bezug nehmen. Die sagt eindeutig, dass die Spanne zwischen den am Wohlstand teilhabenden und den bedürftigen Jugendlichen immer größer wird. ,,Das beobachten wir auch im Eichsfeld", bestätigt Holzborn. Laut Studie würden die Unterschiede zwischen den sozialen Milieus größer und zeige sich, wie sehr Bildungschancen und soziale Herkunft miteinander verknüpft seien.
Gleichgültigkeit Kinder brauchten dringend die Unterstützung in der Familie, ,,damit die Startchancen nicht gleich vermasselt sind", so der Villa-Leiter. Ein berührendes Beispiel für Gleichgültigkeit las er im Zeugnis einer Erstklässlerin: ,,An ihrer Ordnung am Arbeitsplatz, in ihren Heften und im Ranzen muss sie unbedingt arbeiten", hatte die Lehrerin notiert und hinzugefügt: ,,Hilfreich könnte eine tägliche Kontrolle durch das Elternhaus sein." Da bekomme er eine Gänsehaut, gesteht Holzborn. Bei der Anmerkung zeige sich, wie sehr Kinder Zuwendung brauchten.
Holzborn sieht einen weiteren Aspekt: Wenn ein Kind schon in der ersten Klasse so ein Zeugnis bekomme, dann würde es früh etikettiert. Und das sei ein Punkt, der auf der Tagung auch zu Wort komme: Wie kann man diesen Kindern Selbstwertgefühl geben, wie eine Wertschätzung schaffen jenseits von Statussymbolen dem teuren Handy, den Markenklamotten. Zu diesem Thema wurde laut Holzborn in Einrichtungen der katholischen Jugendsozialarbeit in Ostdeutschland nachgefragt. Der Sinn der Untersuchung: die Mitarbeiter dazu bringen, genauer hinzuschauen und sich nicht von Vorurteilen leiten zu lassen.
Die Tagung am Montag, 14. Februar, ist öffentlich, jede/r Interessierte ist willkommen.


