TLZ 17.02.2011 - Alltag vieler Heranwachsender ist bitter
(cb)
Tagung: ,,Kein Job, kein Geld und keine Lust, sich anzustrengen - Jugendarmut in Thüringen"
Heiligenstadt. Niemand wollte darüber urteilen, was schlimmer ist:
Fall 1 – Eine „Hartz-IV-Familie“, Arbeitslosigkeit und Armut inzwischen an die nächste Generation vererbt, die Familie hat resigniert und sich eingerichtet. Jugendliche kennen es nicht, dass Mutter oder Vater früh am Morgen aufstehen, um zur Arbeit zu gehen. Besuchen Tochter oder Sohn die Hauptschule, setzt sich bei ihnen sehr schnell der Gedanke fest, sie gehörten ja ohnehin zu den Verlierern.
Fall 2 – Eine Mutter verlässt um 5.30 Uhr das Haus und kommt erst gegen 20.30 Uhr wieder zurück; sie ist der Arbeit wegen so lange unterwegs, muss ihre Kinder ernähren. Amerikanischen Verhältnissen ähnlich nehmen Eltern, um über die Runden zu kommen, einen Zweitjob an. Töchter und Söhne registrieren: Ihr Vater arbeitet fleißig und muss trotzdem wegen des lächerlich geringen Lohns staatliche Unterstützung beantragen. Häufig fehlen dann Zeit und Kraft, sich für die schulischen Belange der Kinder zu interessieren.
,,Kein Job, kein Geld und keine Lust, sich anzustrengen Jugendarmut in Thüringen" titelte die Tagung der Landesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit in der Villa Lampe, bei dem Vertreter aus Villa-Einrichtungen des Landkreises Eichsfeld, von Caritas, Internationalem Bund, Junger Union, Gemeindeseelsorge aus der Region, aus Nordhausen und dem Wartburgkreis berieten.
In einem Video, von jungen Villa-Besuchern produziert, redeten Jugendliche über ihre Realität und ihre Hoffnung. Thomas Holzborn, Pädagoge und Villa-Leiter, hob hervor, der Fokus der Gesellschaft sei auf Kinder- und Altenarmut gerichtet. Jugendliche seien in der großen politischen Diskussion nicht präsent. Für die AG Östliche Bundesländer des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend als Dachverband (BDKJ) sprach Clemens Bech. Der Sozialpädagoge aus Leipzig wird beim Caritasverband gleich von zwei Seiten mit dem bitteren Alltag konfrontiert: in der Jugendarbeit und in der Schuldnerberatung. Damit junge Leute ihre Chancen nicht verpassen, arbeitet die Villa Lampe z. B. eng mit der Bergschule zusammen. Ebenso setzen sich Internationale-Bund-Mitarbeiter in Firmen ein für Hauptschüler, die irgendwann mal ,,praktikamüde" sind, lieber richtig arbeiten wollen.
Viele Jugendliche würden ständig auf ihre Defizite angesprochen, hätten noch nie gehört: Ja, dich brauchen wir. Die Villa kann unter anderem auf das Boxkino in Leinefelde, die Mobile Werkstatt, den Mutter-Kind-Treff im Heiligenstädter Liethen-Wohngebiet verweisen. Erfolgreich gelaufen ist das Projekt zur gesunden Ernährung im Leinefelder Jugendzentrum. Ein Villa-Mitarbeiter begleitet Jugendliche ,,aufs Amt". Viele Hartz-IV-Bezieher könnten der Kompliziertheit wegen die eigenen Bescheide nicht verstehen und das sei eine Katastrophe, die darin gipfele, beim nächsten Termin gar nicht erst hinzugehen. Und: Emotionale, soziale, kulturelle Armut und Verwahrlosung erscheine in keiner Statistik.



